Einleitung
Dina Jokanovic ist Web Developer und UX-Spezialistin bei OMmatic – seit über 8 Jahren arbeitet sie ausschließlich mit Kanzleien und Rechtsanwälten. Ihr Schwerpunkt liegt auf strategischer Website-Architektur, technischer SEO und der Frage, wie Websites Vertrauen aufbauen und konvertieren.
Im Interview spricht sie darüber, warum die meisten Kanzlei-Websites trotz gutem Design zu wenige Anfragen generieren – und was sich mit den richtigen strukturellen Entscheidungen ändern lässt.
Fragen und Antworten
Du arbeitest seit über 8 Jahren ausschließlich mit Kanzleien. Was verstehst du über die Nutzer von Anwalts-Websites, was generalistischen Web-Designern oft fehlt?
Wer eine Anwaltskanzlei kontaktiert, steckt meist in einer Ausnahmesituation – Trennung, Kündigung, Schulden, Betrug. Generalisten optimieren für einen rationalen Nutzer. Kanzlei-Nutzer sind das selten. Was wirklich zählt, ist emotionale Lesbarkeit: Versteht ein Mensch in einer Stresssituation in den ersten fünf Sekunden, ob diese Kanzlei für sein Problem zuständig ist? Und fühlt er sich ernst genommen?
Website-Architektur ist dein Kernthema. Was bedeutet das konkret – und warum ist Struktur wichtiger als Design?
Architektur bedeutet: Welche Seiten gibt es, wie sind sie verknüpft, welche übernimmt welche Aufgabe im Funnel – die Website als komplementäres Ganzes. Ein schönes Design bringt nichts, wenn die relevante Seite nicht existiert oder von der Homepage nicht erreichbar ist. Ich sehe regelmäßig Kanzleien, die in Fotografie und Logo investieren – und dann schickt Google Besucher auf eine Unterseite ohne CTA und ohne logischen Pfad zur Konversion. Struktur ist das Fundament. Design ist die Fassade.
Welcher UX-Fehler kostet Kanzleien am meisten Mandate – schlechte Navigation, zu wenige CTAs, überladene Startseite?
Der Hauptfehler ist fehlende Segmentierung. Die meisten Kanzlei-Websites sprechen alle gleich an: Unfallopfer, Erben, Arbeitgeber, Arbeitnehmer – Menschen mit völlig unterschiedlichen Erwartungen und Stressleveln. Wenn eine Startseite nicht klar artikuliert, an wen sie sich richtet, spricht sie niemanden wirklich an. Das kostet Mandate. Sensibilität gegenüber dem potenziellen Mandanten ist grundlegend.
Core Web Vitals, Mobile-First, strukturierte Daten – was davon macht in der Praxis den größten Unterschied für Kanzleien?
Strukturierte Daten. Core Web Vitals sind Hygiene, Mobile-First ist Standard. Strukturierte Daten dagegen werden von 80 Prozent der Kanzlei-Websites falsch oder gar nicht eingesetzt. Richtig umgesetzt – LegalService, Person, FAQPage, LocalBusiness – erhöhen sie die Sichtbarkeit in der KI-Suche, in Google-Features und sprachbasierter Suche deutlich. Ein echter Vorsprung, der sich noch ausbauen lässt.
Viele Kanzleien möchten eine moderne Website, aber auch seriös wirken. Wie löst du diesen scheinbaren Widerspruch?
Kein Widerspruch – ein Missverständnis. Modern heißt nicht bunt oder laut, sondern schnell, klar, ohne Reibung. Farben kommunizieren, bevor der Nutzer ein Wort liest: Dunkelblau signalisiert Vertrauen, Gold Qualität, Weißraum Kontrolle. Eine Kanzlei-Website kann typografisch streng und seriös sein und trotzdem in unter zwei Sekunden laden. Das Problem entsteht, wenn „modern" mit Farbpaletten verwechselt wird, die das Vertrauen untergraben, das von der ersten Sekunde an aufgebaut werden muss.
Was ist das erste, was du dir ansiehst, wenn du eine Kanzlei-Website zum ersten Mal öffnest?
Den Above-the-fold-Bereich auf dem Mobilgerät. Sehe ich sofort Rechtsgebiet, Stadt, Zielgruppe? Gibt es einen klaren nächsten Schritt – Telefonnummer, Formular, Kontakt? Lädt die Seite? In den ersten drei Sekunden entscheidet sich, ob jemand bleibt oder zurück zu Google geht. Die meisten Kanzlei-Websites verlieren diese drei Sekunden mit einem Slider oder einem Claim wie „Ihr Recht. Unser Auftrag."
Wenn eine Kanzlei ihre bestehende Website verbessern will, ohne sie komplett neu zu bauen – wo fängst du an?
Mit einem Audit in drei Schichten. Technisch: Ladezeit, Core Web Vitals, Mobile, Crawling-Probleme – Fehler, die still Mandate kosten. Architektonisch: Fehlen Seiten? Gibt es Seiten ohne interne Verlinkung? Kannibalisieren sich Keywords? UX: Hat jeder Nutzertyp einen klaren Weg zur Konversion? Auf dieser Basis lässt sich priorisieren: Was bringt in 30 Tagen den größten Effekt, ohne das System zu destabilisieren.
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